Farben schaffen Wohlfühlatmosphäre in Hotels

JohanniterbadIm zweiten Teil des Interviews mit Prof. Axel Venn erklärt der Farb- und Trendexperte, wie Hotels farblich gestaltet sein sollten, damit die Gäste sich wohlfühlen und gern wiederkommen. 

Hier geht es zum ersten Teil des Interviews

 

Herr Professor Venn, Sie arbeiten gerade am Buch „Farben der Hotels“. Wie unterscheidet sich das Buch zu „Farben der Gesundheit“?

Es hat einen völlig anderen Tenor. Es geht viel mehr in den Wohnbereich hinein. Menschen suchen in Hotels die gleiche Geborgenheit und den gleichen Komfort, den sie zu Hause haben. Man sollte bei ihrer Gestaltung allerdings eines beachten: Man muss eine große Bandbreite an Geschmacksdifferenzierungen in einem Design einfangen. Das ist der große Unterschied. Aber man muss dabei auch die Farbgestaltung dem individuellen Stil des Hotels anpassen. Da gibt es viele Differenzierungsmerkmale, beispielsweise klassisch, exquisit, experimentierfreudig, designorientiert oder futuristisch.

Wann waren Sie zuletzt in einem Hotel und wie haben Sie sich dort gefühlt?

Gestern erst. Ich lebe beinahe in Hotels, fast ein Drittel des Jahres. Wohl fühle ich mich dann, wenn ich viel Platz und weiche Sofas habe, es gut gestaltet ist, einen schönen Ausblick bietet und es außerordentlich bequem und sauber ist. Es kommt auch schon mal vor, dass ich mich hinterher beschwere, wenn das Zimmer schlecht gestaltet war. Allerdings weiß ich nie, ob dies bei den Verantwortlichen ankommt.

Welche Fehler kann man bei der Einrichtung von Hotels machen?

Ich habe alle Fehler schon erlebt. Entweder sie sind unkomfortabel oder die Badewanne steht in der Mitte des Zimmers. In anderen Fällen sind die Zimmer einfach nur schmuddelig oder hellhörig. Ich war schon in vermeintlich schönen, teuren Hotels, die alle Fehler auf einmal aufwiesen. Was die Farbgestaltung betrifft, so wird meistens untertrieben. Viele Zimmer haben beispielsweise keine Farben außer Beige. Das wirkt auch schrecklich. Ich habe wirklich schon alles erlebt. Deshalb mache ich auch das Buch. Dort werden Hotels mittels anderer Profile dargestellt. Ziel ist es, die Mutlosigkeit mancher Hoteliers zu experimentierfreudiger Farbgestaltung anzusprechen. Sie und die Gestalter werden schnell sehen, dass sie etwas mehr wagen können. Die Hoteliers wissen, dass sie durch Optimierung mehr gewinnen. Diese Erkenntnis wäre in den Krankenhäusern allerdings noch wichtiger, da man dort den Menschen damit wirklich hilft. Kluge und clevere Hoteliers nehmen schon längst solche Optimierungen vor. Sie wissen, dass man dem Gast ein Gefühl von Zuhause bieten muss, damit er wiederkommt. Schließlich bezieht der Gast dort eine Heimat auf Zeit.

Wie sollte das Foyer eines Hotels farblich gestaltet sein, damit sich der Gast von Beginn an wohlfühlt und gern wiederkommt?

Man sollte gleich nett empfangen werden. Da spielen rötliche, warme Farben, Gold und Messing, Blumenschmuck, weiche Teppiche und freundliche Menschen hinter der Rezeption die wichtigste Rolle. Es muss sanft und nicht zu hell getönt sein, es sollte eine elegante und einnehmende Atmosphäre haben. Es muss dem Stil des Hotels entsprechen, aber nach Möglichkeit mit natürlichen Materialien aufwarten. Keine Plastiktheke, sondern das echte Holz muss spürbar sein. Wenn Leder, wenn Blumen, dann müssen sie echt sein. Es gibt leider zu viele Drei- bis Fünf-Sterne-Hotels, in denen mit Tüllschals, Kunstblumen, unechten Gerüchen und Gefühlen Gäste vergrault werden.

Wie ist das ideale Zimmer im Business-Hotel farblich gestaltet?

Ich würde sagen anmutig. Da ist es auch egal, ob es ein bisschen heller oder dunkler, ein bisschen wärmer oder kälter ist. Es muss stimmungsvoll sein und in Bezug zur Landschaft und Architektur stehen. Es muss zur Geographie passen und es muss eine gehörige Portion Folkloristisches haben. So, dass man weiß, wo man ist. Man darf nicht nachts aufwachen und sich überlegen müssen, ob man schon in London oder noch in Madrid ist. Auch ein solches Hotel muss eine gewisse authentische Heimatlichkeit besitzen. Ein Hotel muss auch nicht stilrein sein. In erster Linie muss es Großzügigkeit vorführen.

Sollte ein Wellness-Hotel anders gestaltet werden?

Natürlich muss es anders gestaltet sein. Im Business-Hotel sind die Lobby und die Räume daneben wichtig, in denen man sich gut zu Gesprächen zusammensetzen kann und auch vier Stunden auf dem Sessel sitzen kann, ohne sich ein Rückenleiden einzufangen. Hier kommt es auch eher auf die dunkleren Töne an. Wenn wir von den netten, angenehmen Business-Hotels reden, finde ich es auch akzeptabel, wenn mal etwas zu viel Plüsch vorhanden ist. Daneben ist die Akustik sehr wichtig. Viele Textilien im Raum und Wände, die nicht ganz glatt, sondern auf besondere Weise strukturiert sind, tragen dazu bei, dass man sich gut unterhalten kann. Auch dann, wenn man zu zehn Personen dort sitzt. Außerdem gibt es kommunikationsanregende Farben. Die sehe ich allerdings mehr in den Lobbys als in den Konferenzräumen. Da sind dunkle Farben, Mahagoni, roter Samt und grüne Pastellfarben chic. Beim Wellness-Hotel hingegen sehe ich eher Badestrand-Farben, sanft, pastellig und freundlich. So, dass das Erholsame und Reinigende betont wird und eine Atmosphäre des dolce far niente geschaffen wird; eher unverbindlich, aber lieblich und freundlich.

Kann ein Hotelier über die Farbauswahl seiner Einrichtung einen bestimmten Gast-Typ für sich gewinnen?

Natürlich. Wenn man den Konservativen gewinnen will, muss man konservative Farben wählen. Damit er sich sofort wohlfühlt. Beim sportlichen Typ sind es sportive Farben. So kann man auch Hotels in klar gastbezogene Bereiche segmentieren oder in Stockwerke unterteilen. Oder alles ist auf einen bestimmten Gasttypus zugeschnitten.

Hat die Farbgestaltung eines Restaurants Auswirkungen auf den Geschmack des Essens?

Aber und ob. Im Grunde genommen muss immer eine Kongruenz zwischen den angebotenen Geschmackskonzepten und der Farbigkeit bestehen. Es ist immer angenehm, wenn man solche Verbindungen hat: wie die Verpackung, so der Inhalt. Dann hat man auch Vertrauen zu etwas. In faden beigen Räumen schmeckt das Essen ebenso fad. Natürlich ist es auch in Restaurants wichtig, eine Wohlfühl-Atmosphäre zu schaffen, in der man sich gut unterhalten kann. Vor allem, wenn man nicht nur eine viertel Stunde bleibt, wie in einer italienischen Espresso-Bar. Wenn das Restaurant auch der Kommunikation dienen soll, dann sind ombrierte Rottöne wunderbar, oder ein leichtes Caput mortuum mit einem ganz trockenen Beige dabei.

Im dritten und letzten Teil unserer Interview-Serie mit Prof. Venn spricht der Experte darüber, wie Pflegeheime und Krankenhäuser farblich gestaltet sein sollten, damit  Bewohner, Patienten und Mitarbeiter sich wohlfühlen, die Genesung unterstützt und die Motivation gefördert wird.

 

Prof. Axel Venn

Prof. Axel Venn

Axel Venn ist Professor für Farbgestaltung und Trendscouting an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim. Seit Jahren arbeitet der in Berlin lebende Autor über und mit Farbe und genießt internationales Renommee als Farb-, Trend- und Ästhetikberater. Er wurde mit verschiedenen Designpreisen ausgezeichnet und hat bereits zahlreiche Titel zum Thema Farbe veröffentlicht. Gemeinsam mit Janina Venn-Rosky hat er die wissenschaftliche Studie zu diesem Buch entwickelt und ausgewertet.

Share Button

Ein Gedanke zu “Farben schaffen Wohlfühlatmosphäre in Hotels

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *