Mehr Lebensqualität durch die richtige Farbgestaltung

Wie sollten Seniorenresidenzen und Kliniken farblich gestaltet sein, damit Menschen sich wohlfühlen, damit Zufriedenheit, Heilung und Genesung gefördert werden? Im dritten Teil des Interviews gibt Farb- und Trendexperte Prof. Axel Venn Antworten und praktische Tipps rund um die Einrichtungsgestaltung von Pflegeheimen, Krankenhäusern und Seniorendomizilen.

Erster Teil des Interviews: Die Welt sinnvoll bunter gestalten
Zweiter Teil des Interviews: Farben schaffen Wohlfühlatmosphäre in Hotels

Farben der Gesundheit, Pflegeheimeinrichtung, Einrichtung Seniorenwohnheim

City-Residenz Unna: Seniorengerecht eingerichtet von Fritz Schlecht/SHL
http://goo.gl/T18zbK

Herr Professor Venn, worauf sollte bei der Farbgestaltung von Pflegeheimen besonders geachtet werden?

Hier sollten Farben in der Tat pflegerische Eignung besitzen. Da gibt es vielfältige Möglichkeiten. Auf einen Nenner gebracht sind es sanfte, eher warme Farben und ein pastelliges Sorbet, die aber, je nach Blickrichtung, mit ein paar kühlen Farben gut kombiniert werden müssen. Also beispielsweise ein sanftes Himmelblau oder ein Lichtgrau und daneben wärmere Naturtöne.

Gibt es bei der Farbwahrnehmung einen Unterschied zwischen alten und jungen Menschen?

Das ist eine schöne Frage. Den gibt es natürlich. Aber den Alten gefällt nur das, was den Jungen gefällt. Denn das Vorbild der Alten sind nicht die Alten, die mögen sie gar nicht, sondern das ist die Generation danach. Natürlich lässt bei den alten Leuten die Wahrnehmung etwas nach, daher mögen sie kräftigere Farben. Die Musik muss auch etwas lauter sein. Alle empfindungsorientierten Merkmale benötigen mehr Power.

Spielt der Zeitgeist einer Generation eine Rolle?

Stets sind es die großen Epochen, die uns begleiten. Der kulturelle und historische Konsens sowie der individuelle Status spielen eine wichtige Rolle. Die Zeit der Sozialisierung zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr prägt uns mehr als jede Zeit danach.Natürlich kann man von Pflegeheimen nicht erwarten, dass sie sich flexibel in der Farbgestaltung den Bewohnern oder den Besuchern individuell anpassen. Das wäre wirklich zu teuer. Dafür kann man aber wunderbar mit Dekorationsartikeln wie Kissen, Decken oder Bildern viel Individualität schaffen.

Helfen die Farbkonzepte von Pflegeheimen auch gleichzeitig dem Pflegepersonal, die intensive Arbeit leichter zu meistern?

Ja, das ist ein wesentliches Merkmal. Die Menschen sind viel zufriedener. In einer schönen Umgebung lässt es sich immer besser arbeiten und leben als in einer noch so charmanten Polizeikaserne.

In welchen Farben sollte das idealtypische Pflegezimmer einer Demenzstation gestaltet werden?

Ohne Gestaltungen, die chaotisch sind. Rund und sanft. Aber dennoch so, dass sich die Farben und Muster voneinander trennen. Keine scharfen Ecken, keine spitzen Winkel. Genügend Licht ist wichtig, genügend haptische Qualität und Strukturierungen. Möbel, Kissen, Decken müssen etwas zum Anfassen sein. Die gesamten Sinne müssen angesprochen werden. Deshalb sollte nicht mit glatten Flächen gearbeitet werden, sondern Wände und Möbel sollten strukturierte Oberflächen haben. Immer eher rund und amorph als gradlinig, eckig, spitz und linear. Auch der Boden muss freundlich gestaltet sein, eher dunkel als hell, mit sanften grau-braunen oder grau-roten Tönen.

Welches Farbkonzept würden Sie einem Pflegeheim ans Herz legen, um auch den Besuchern einen vertrauenserweckenden und behaglichen Empfang zu bereiten?

Wie das eigene Wohnzimmer. Das ist die beste Rezeptur. Die besten Kneipen, die besten Restaurants sind ausnahmslos diejenigen, die aussehen wie das eigene Wohnzimmer.

Gelten die Farbkonzepte für Pflegeheime genauso für Krankenhäuser? Oder gibt es Unterschiede?

Die sind sehr ähnlich. In Pflegeheimen ist man natürlich länger, da muss der Individualitätsbezug größer sein. Man sollte neue Bilder aufhängen und vielleicht den alten gegen einen neuen, bequemeren Stuhl austauschen. In Pflegeheimen ist die Rezeptur nicht so fix, denn sie muss individuell anpassbar sein.

Warum wird in so vielen Krankenhäusern auf die therapeutische Wirkung von Farben offensichtlich verzichtet?

Es scheitert weniger am Können als am Wollen. Ich bin noch nicht ganz dahintergekommen. Ich glaube, da gibt es kein Freund-Freund-Verhältnis von Krankenhausbetreibern oder Verwaltungen, auch häufig nicht von Pflegekräften und Ärzten. Sondern da ist eher ein geschäftsmäßiges, einseitiges Interesse an Effektivität auszumachen als an wahrhaftiger Fürsorge.

Wie könnten die Krankenzimmer zielführender im Sinne des Heilungserfolgs gestaltet werden?

Indem man sie ganz einfach menschlicher gestaltet. Freundliche Farben, menschenzugewandt. Das ist eigentlich ganz einfach, da gibt es vielfältige Rezepturen. Wir haben sie dargestellt! Wir müssen lernen, dem ewigen Diktat der Nutzenoptimierer eine Gegenposition, einen Imperativ zu mehr Menschlichkeit zu postulieren.

Gibt es einen Unterschied zwischen verschiedenen Diagnosen und/oder Stationen?

Männer würden es nicht so gut finden, wenn man sie in eine rosa Abteilung bettet. Frauen dagegen mögen floral Farbgestaltungen. Bei Männern darf es schon etwas sachlicher sein. Nur nicht zu sachlich – ein wenig sonnig getönte Farben mögen sie auch. Ich würde also vor allem zwischen den Farbvorlieben von Männern und Frauen unterscheiden, nicht zwischen verschiedenen Krankheitssymptomen.

Letzte Frage: Was dürfen wir in näherer Zukunft von Ihnen erwarten? Planen Sie weitere Projekte, zu denen wir sie dann befragen dürfen?

Vor Kurzem ist das Planungshandbuch „Farben der Hotels“ (Callwey Verlag, 79,- Euro) erschienen, ein wissenschaftlich fundiertes Fachbuch für die wirkungsvolle Farbgestaltung in Hotels. Dann bin ich an einem sehr spannenden Projekt dran: „Farben der Büros“. Da geht es um die Humanfunktion und Ergonomie der Farben, aber auch um Farbe als kommunikatives, emotionales und soziales Phänomen.

Wir danken Herrn Professor Venn ganz herzlich für das Interview.
– die einrichtungsblog-Redaktion

 

Prof. Axel Venn

Prof. Axel Venn

Axel Venn ist Professor für Farbgestaltung und Trendscouting an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim. Seit Jahren arbeitet der in Berlin lebende Autor über und mit Farbe und genießt internationales Renommee als Farb-, Trend- und Ästhetikberater. Er wurde mit verschiedenen Designpreisen ausgezeichnet und hat bereits zahlreiche Titel zum Thema Farbe veröffentlicht. Gemeinsam mit Janina Venn-Rosky hat er die wissenschaftliche Studie zu diesem Buch entwickelt und ausgewertet.

 

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